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Aus der Kaninchenzeitung

Nachgefragt…

….bei Jürgen Vedder über die Auswirkungen der steigenden Rohstoffpreise auf dem Futtermittelmarkt.

Leere Supermarktregale und steigende Preise - die Rohstoffkrise in der Ernährungsindustrie verschärft sich. Das merkt auch der Züchter beim Futterkauf für seine Tiere. Zur aktuellen Situation auf dem Futtermittelmarkt haben wir bei Jürgen Vedder, Geschäftsführer der Mischfutter Werke Mannheim GmbH, nachgefragt.

Herr Vedder, die Futtermittelkosten für unsere Kaninchen steigen immer stärker an. Worauf ist das zurückzuführen?

Verschiedene Faktoren haben Einfluss auf die Preisentwicklung bei unseren Futtermitteln. Zurzeit ist der größte Punkt die Verfügbarkeit von Rohstoffen am Weltmarkt. Die allgemeine Knappheit an Rohstoffen sowie die große, weltweite Nachfrage nach den begrenzten Ressourcen treiben die Preise in die Höhe. Dazu muss man wissen: Jeder Rohstoff wird an sogenannten Rohstoffmärkten notiert und gehandelt. Alle Rohstoffpreise sind komplett nachvollziebar, das ist völlig transparent.

Warum kaufen Sie dann nicht vor der Haustür, also regional ein?

Das machen wir, wann immer es möglich ist. Aber bereits die Ernten der letzten zwei Jahre waren -global betrachtet - schlecht. Hier spielen Dürren und Unwetter aber auch die Pandemie eine Rolle. Jetzt könnte man sagen, „Kauf beim Bauern nebenan und Du hast mit dem Weltmarkt zu tun.“ Aber: Auch der Bauer von nebenan kennt die Preise des Markts und den Wert seiner Waren. War die Ernte in den USA schlecht, kaufen die Amerikaner auf dem Weltmarkt. Die Folge: Die Preise gehen nach oben. Zum Glück haben wir viele regionale Bauern als Lieferanten, das sichert zwar die Versorgung, macht die Preise aber nicht besser.

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf die Preise?

Seit dem 24. Februar hat sich die Marktlage noch einmal drastisch verschlechtert. Der Krieg in der Ukraine und die damit einhergehenden Sanktionen gegen Russland sorgen dafür, dass fast ein Drittel der Weltexporte abgeschnitten sind. Denn gerade in diesen Ländern wird ein Großteil des europäischen Getreides angebaut. So sind bereits begrenzte Waren nun noch schlechter verfügbar - und das wird sich für die nahe Zukunft auch nicht bessern.

Machen Sie denn beim Einkauf Ihrer Rohwaren keine Verträge, über die Sie Preise und Verbindlichkeiten regeln?

Natürlich machen wir für unsere Rohwaren sogenannte Kontrakte mit unseren Lieferanten. Darin werden Liefermengen und -termine, aber auch Preise mittel- und langfristig ausgemacht. Aber in Zeiten, in denen die Preise nur nach oben gehen, werden diese Kontrakte verhaltener abgeschlossen. Viele Lieferanten denken sich, dass sie woanders einen noch besseren Preis erzielen können. Das erschwert es, Kontrakte abzuschließen. Wir produzieren ja nicht nur abgesackte Ware, sondern auch Siloware. Für beides kalkulieren wir die Mengen unserer Rohwaren und auf dieser Grundlage kaufen wir ein.

Wie flexibel können Sie in der aktuellen Situation denn überhaupt auf Veränderungen der Nachfrage reagieren?

Stellen Sie sich vor, ein Wettbewerber erhöht seine Preise oder kann aufgrund der Rohwarensituation gar nicht mehr produzieren. Dann haben Sie plötzlich die 10-fache Bestellmenge von einem „normalen“ Tagesdurchschnitt und kann in Sachen Einkauf nur bedingt reagieren. Weil wir zurzeit alles gut kalkulieren müssen. Die Rohwarenbeschaffung ist momentan extrem problematisch. Oder Sie zahlen Einstandspreise jenseits von Gut und Böse.

Könnten Sie unseren Lesern ein konkretes Beispiel aufzeigen?

Sehr gerne: Mais hat im März letzten Jahres 216 € pro Tonne gekostet. Zur Ernte hat jeder auf niedrigere Preise gehofft, aber ab Herbst lagen wir bei ca. 250 €/Tonne. Allein in den letzten drei Wochen hat der Mais noch mal eine Preissteigerung von 40 % hingelegt, so dass sie heute 350 € pro Tonne zahlen. Oder Sojaextraktionsschrot: Im März 2021 waren wir bei 400 € pro Tonne, im Herbst stieg der Sojaschrot auf bis zu 500 €/Tonne und heute sind wir bei 590 € /Tonne. Das ist eine Preissteigerung von fast 50 %. Und das ist noch nicht das Ende der Fahnenstange. Allein der Preis unserer Futtermittelsäcke ist um 30 % nach oben gegangen, von den gestiegenen Energiekosten ganz zu schweigen.

Selbst wenn Sie Kontrakte haben, können Sie sich ausrechnen, wie lange die Rohstoffe daraus bei einer 10-fachen Menge an ungeplanter Produktionsmenge vorhalten. Nun könnte man sagen, dass man die Rezepturen anhand der vorhandenen Rohwaren anpasst, aber das ist für uns ein absolutes No-Go. Es wird nicht an den Zusammensetzungen gedreht, die Qualität bleibt gleich! Darauf muss sich der Kunde verlassen können.

Worauf müssen wir uns in naher Zukunft Ihrer Meinung nach einstellen?

Ich kann da nur für Mifuma als Hersteller sprechen. Wir werden die Preise für Kaninchenfutter noch einmal um ca. 1,07 € pro 25 kg erhöhen. Daran kommen wir leider nicht vorbei. Damit erhöhen wir innerhalb von zwei Monaten unsere Preise zum zweiten Mal. Insgesamt ist das dann eine Preiserhöhung von 1,61 €/25 kg Sack im Vergleich zu im Januar. Mir ist klar, dass viele darüber stöhnen werden. Denn bei allen laufenden Kosten, die auch steigen,  bekommt der Rentner nicht plötzlich mehr Rente. Aber bei dieser Rohstofflage können wir nicht anders reagieren, denn auch wir müssen wirtschaftlich und verantwortungsvoll arbeiten. Sobald es der Rohstoffmarkt zulässt, werden wir die Preise aber wieder senken.

Glauben Sie, dass Deutschland zu abhängig vom osteuropäischen Rohstoffmarkt ist?

Nein, das glaube ich nicht. Rohwaren und Rohwarenpreise werden heutzutage global gehandelt. Die Ukraine wird als „Kornkammer Europas“ bezeichnet und das zu Recht. Denn dort gibt es beste Böden und ein gutes Klima und das sorgt für reiche Ernten. Das Gleiche gilt übrigens auch für Russland. Diesen Krieg, mit seinen fürchterlichen Auswirkungen, konnte niemand voraussehen. Und damit meine ich nur sekundär den weltweiten Getreidemarkt, sondern vor allem die menschlichen Tragödien für die Frauen, Kinder und auch die Männer in der Ukraine. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Ukraine und Russland annähern können. Davon wird abhängen, ob und in welchem Maß die Ukrainer ihre Felder bestellen und das Getreide für das kommende Jahr aussäen können. Leider sind Düngemittel zurzeit ebenfalls ein sehr knappes Gut. Sie merken, da gibt es sehr viele Unsicherheitsfaktoren. Der Markt wird sich sicher wieder entspannen. Die Frage ist nur: Wann? Das heißt aber auch, dass wir vorerst nicht zu „alten Preisen“ zurückkehren können.

Herr Vedder, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch und Ihre Einschätzung der aktuellen Situation.

Aus der Kaninchenzeitung 04/2022