Sicher versorgt in der Reisezeit

Die Reisezeit ist für mich die anspruchsvollste Phase im Taubenjahr. Hier zeigt sich, ob das gesamte System funktioniert. Training, Regeneration, Motivation und vor allem die richtige Versorgung greifen ineinander wie Zahnräder. Kleine Fehler wirken sich oft sofort aus, während durchdachte Abläufe den entscheidenden Unterschied machen können.

 

Energiebedarf richtig einschätzen

Im Mittelpunkt steht für mich ganz klar die Energieversorgung. Während der Wettflüge verbraucht die Taube enorme Mengen an Energie. Diese muss nicht nur am Flugtag selbst zur Verfügung stehen, sondern bereits in den Tagen davor gezielt aufgebaut werden. Gleichzeitig darf die Versorgung nie schematisch erfolgen, denn die Anforderungen verändern sich ständig.

Ein entscheidender Punkt ist der tatsächliche Bedarf der Taube. Häufig wird gefragt, wie viel Futter eine Reisetaube pro Tag benötigt. In vielen Fällen reichen etwa 30 Gramm pro Taube und Tag während der Saison aus. Diese Menge ist jedoch nur ein Richtwert. Entscheidend ist immer die individuelle Situation. Trainingsintensität, Flugdistanz, Witterung und auch die Reiserichtung beeinflussen den Bedarf erheblich.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass eine Taube zum reinen Erhalt ihres Körpers, also ohne größere Belastung, mit etwa 20 bis 25 Gramm Futter pro Tag auskommen kann. In dieser Phase geht es lediglich darum, die lebensnotwendigen Funktionen aufrechtzuerhalten.

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Ganz anders sieht es jedoch während der Reisezeit aus. Steigt die Belastung durch intensives Training, schwere Flüge oder hohe Temperaturen, erhöht sich auch der Bedarf deutlich. Intensives Training beansprucht die Muskulatur täglich und leert die Energiespeicher kontinuierlich. Schwere Flüge fordern den Organismus über viele Stunden und greifen tief in die Reserven ein. Hohe Temperaturen wiederum belasten zusätzlich den Stoffwechsel, da die Taube Energie für die Regulierung ihrer Körpertemperatur aufwenden muss.

In solchen Phasen kann eine Taube problemlos 35 bis 40 Gramm Futter pro Tag aufnehmen und auch benötigen. Gerade bei aufeinanderfolgenden schweren Flügen oder anspruchsvollen Wetterbedingungen ist dieser Mehrbedarf kein Luxus, sondern Voraussetzung, um Substanz, Leistungsfähigkeit und Regeneration sicherzustellen. In der Praxis kann der Bedarf sogar noch darüber hinausgehen. Genau deshalb bin ich kein Freund davon, das Futter starr abzuwiegen. Viel wichtiger ist es, die Tauben genau zu beobachten und die Futtermenge flexibel an ihren tatsächlichen Bedarf anzupassen. So bleibt man nah am Tier und stellt sicher, dass jede Taube genau das bekommt, was sie in der jeweiligen Belastungssituation wirklich braucht. Entscheidend ist dabei nicht nur die Menge des Futters, sondern vor allem dessen Zusammensetzung. Denn was die Taube aufnimmt, bestimmt unmittelbar, wie viel Energie ihr tatsächlich zur Verfügung steht und wie effizient sie diese nutzen kann. Damit rückt die gezielte Steuerung der Energieversorgung in den Mittelpunkt der gesamten Reisebetreuung.

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Kurze und weite Flüge gezielt vorbereiten

Kurze Flüge stellen andere Anforderungen als weite Distanzen. Bei kürzeren Strecken steht eine schnelle Verfügbarkeit von Energie im Vordergrund. Die Tauben müssen sofort leistungsbereit sein und eine hohe Intensität über die gesamte Flugdauer halten können. Bei Flügen über 400 Kilometer verändert sich das Bild deutlich. Hier zählt Ausdauer. Die Energiereserven müssen länger tragen, der Stoffwechsel arbeitet auf einem ganz anderen Niveau. Ich selbst gehe bei Flügen ab etwa 400 Kilometern einen bewussten Schritt weiter. Ich gönne meinen Tauben vor dem Flugtag einen zusätzlichen Ruhetag.  Das bedeutet konkret, dass die Tiere bereits am Tag vor dem Einsetzen keinen Freiflug mehr erhalten. Diese Phase nutze ich ganz bewusst, um Unruhe zu vermeiden und die Energie gezielt im Körper zu halten. Die Tauben sollen sich beim Training am Haus nicht unnötig verausgaben, sondern ihre Kräfte für den bevorstehenden Flug sparen. Ich möchte schließlich keinen Trainingsweltmeister züchten, sondern Tauben, die auf den Wettflügen ihr Können zeigen. Immer wieder höre ich von Züchtern, die nicht verstehen, warum ihre Tauben am Flugtag zu spät kommen, obwohl sie am Haus stundenlang trainieren. Genau darin liegt oft der Denkfehler: Leistung muss zum richtigen Zeitpunkt abgerufen werden, nicht im Training verpuffen.

Diese Entscheidung hat sich in der Praxis bewährt. Die Tauben können sich besser regenerieren, bauen gezielt Reserven auf und gehen nicht ausgelaugt in die nächsten Aufgaben. Gerade bei aufeinanderfolgenden schweren Flügen ist dieser Punkt für mich entscheidend, um die Substanz der Tiere zu erhalten.

Ein Punkt, der aus meiner Sicht oft unterschätzt wird, ist die Versorgung direkt nach dem Flug. In dieser Phase spielt Eiweiß eine zentrale Rolle. Der Körper der Taube hat während des Fluges nicht nur Energie verbraucht, sondern auch Muskulatur beansprucht. Jetzt geht es darum, diese Strukturen schnell zu regenerieren. Hochwertiges Eiweiß liefert die notwendigen Aminosäuren, um Reparaturprozesse in Gang zu setzen und die Muskulatur wieder aufzubauen. Ohne eine gezielte Eiweißversorgung verzögert sich die Regeneration, und die Tauben starten mit einem Nachteil in die nächste Woche.

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Regeneration beginnt direkt nach dem Flug

Direkt nach dem Flug setze ich deshalb bewusst auf leicht verdauliche Eiweißquellen. Komponenten wie Erbsen oder auch kleinere Saaten können hier sinnvoll eingesetzt werden, ohne den Verdauungstrakt zu belasten. Entscheidend ist der richtige Zeitpunkt. Eiweiß gehört vor allem in die Phase der Erholung, nicht in die unmittelbare Vorbereitung auf den nächsten Flug. Ergänzend kann Eiweiß auch gezielt über passende Beiprodukte von außen zugegeben werden. Ich selbst setze unter anderem Dragees ein, sodass jede Taube ganz gezielt Eiweiß erhält.

 

Kohlenhydrate und Fette als Energielieferanten

Neben dem Eiweiß spielen Kohlenhydrate eine zentrale Rolle im Energiestoffwechsel. Sie sind der schnell verfügbare Energielieferant und werden in Form von Glykogen in Muskulatur und Leber gespeichert. Gerade nach dem Flug ist es wichtig, diese Speicher zügig wieder aufzufüllen. Hier leisten leicht verdauliche Komponenten wie Gerste oder auch Paddyreis einen wertvollen Beitrag. Sie belasten den Stoffwechsel wenig und helfen dabei, die Tauben schnell wieder in Balance zu bringen. In diesem Zusammenhang setze ich auch bewusst auf eine sogenannte „Relax“-Phase in der Fütterung – also eine gezielte, eher leichte Mischung direkt nach dem Flug, die den Organismus entlastet und die Regeneration unterstützt, ohne die Tiere unnötig zu fordern.

Mit zunehmender Woche verschiebt sich der Fokus dann stärker in Richtung Energieaufbau. Hier kommen energiereichere Komponenten ins Spiel. Mais ist dabei einer der wichtigsten Energieträger. Er liefert gut verfügbare Kohlenhydrate und bildet die Basis vieler Reisemischungen. Ergänzt wird dieser Bereich durch fettreiche Saaten wie Hanf. Hanf liefert nicht nur hochkonzentrierte Energie, sondern auch wertvolle Fettsäuren, die gerade bei längeren Flügen eine wichtige Rolle spielen. In der Praxis setze ich dabei auf eine ausgewogene Mischung wie mein „Elite Racing“, weil sie genau diese Anforderungen abdeckt und einen entsprechend hohen Hanfanteil enthält, der einen wesentlichen Teil der Energieversorgung ausmacht. Fette sind bei weiten Distanzen unverzichtbar. Sie liefern mehr als doppelt so viel Energie wie Kohlenhydrate und ermöglichen es der Taube, auch über viele Stunden hinweg leistungsfähig zu bleiben. Gleichzeitig müssen sie gezielt eingesetzt werden. Zu früh oder in zu hoher Menge eingesetzt, können sie die Tauben träge machen. Richtig dosiert sind sie jedoch ein entscheidender Baustein für Ausdauer und Stabilität.

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Training, Wetter und Reiserichtung berücksichtigen

Ein weiterer Faktor, der oft unterschätzt wird, ist das Training. Nicht jede Taube arbeitet gleich. Es gibt Tiere, die von Natur aus sehr aktiv sind und sich im Freiflug intensiv belasten. Andere trainieren ruhiger und benötigen mehr Unterstützung über die Fütterung. Diese Unterschiede müssen berücksichtigt werden. Eine einheitliche Fütterung für alle Tauben wird diesem Anspruch nicht gerecht.

Auch die Reiserichtung spielt eine Rolle. Gegenwindflüge verlangen deutlich mehr Energie als schnelle Rückenwindflüge. Gleiches gilt für hohe Temperaturen. Hitze belastet den Organismus zusätzlich und verändert den Stoffwechsel. Die Tauben nehmen oft weniger Futter auf, benötigen aber gleichzeitig mehr Energie. Hier ist es wichtig, die Mischung entsprechend anzupassen und die Energiedichte zu erhöhen, ohne die Verdauung zu belasten.

 

Die passende Mischung zur richtigen Zeit

Damit sind wir bei einem der wichtigsten Werkzeuge in der Reisezeit angekommen: der richtigen Mischung. Es gibt nicht die eine Mischung, die immer passt. Vielmehr geht es darum, gezielt zu steuern. Leichtere Mischungen wie Relax oder Reise Light zu Wochenbeginn unterstützen die Regeneration und halten die Tauben aktiv. Mit zunehmender Nähe zum Flug wird die Mischung energiereicher. Hier empfehlen wir Energy, Power-Mix oder Elite Racing.

Der Anteil an leicht verfügbaren Kohlenhydraten und hochwertigen Fetten steigt, um die Speicher gezielt zu füllen.

Mein Ansatz ist deshalb klar strukturiert, aber gleichzeitig flexibel. Ich arbeite nicht nach starren Plänen, sondern beobachte meine Tauben täglich. Verhalten, Trainingsfreude, Gefieder und Muskulatur geben mir die entscheidenden Hinweise. Sie zeigen mir, ob die Versorgung passt oder ob Anpassungen notwendig sind.

Am Ende ist die Reisezeit ein Spiel aus Balance. Zu wenig Energie führt zu Leistungsabfall, zu viel belastet den Organismus unnötig. Wer es schafft, seine Tauben je nach Situation optimal zu versorgen, legt den Grundstein für konstante Leistungen über die gesamte Saison.

Ich bin überzeugt, dass nicht die einzelne Maßnahme über Erfolg oder Misserfolg entscheidet, sondern das Zusammenspiel aller Faktoren. Wer versteht, wie sich Bedarf, Belastung und Versorgung gegenseitig beeinflussen, kann seine Tauben gezielt steuern und ihnen genau das geben, was sie im richtigen Moment brauchen.

Robert Maaß